Sintflut

 Sintflut

Die Sintflut beginnt unmerklich. Vorerst steigen die Flüsse um wenige Zentimeter. Es regnet nicht einmal häufiger als sonst, aber anhaltender. Und es dauert länger als nach früheren Güssen bis das Wasser wegsickert. Eines Tages verrinnt es gar nicht mehr, und die kleinen Pfützen bleiben stehen. Die Industrie wird mehr Regenschirme herstellen, mehr Gummistiefel, doch das sind die einzigen Maßnahmen, die man trifft. Ein paar Wetterkundler weisen auf Merkwürdigkeiten im Wetterablauf hin, nur versteht ihre wissenschaftliche Sprache kaum einer, und ihre Entdeckung wird sofort wieder vergessen oder verdrängt. Wenn die Flüsse über die Ufer steigen, wird man es den jeweiligen feindlichen Landesfremden ankreiden, doch weil die Nachrichtenübermittlung nicht zu verhindern ist, erfährt alle Welt von der synchronen Überschwemmung vieler Gebiete der Erde. - Die Pfützen werden Tümpel, Teiche, Seen, die sich zu kleinen Meeren zusammenschließen. Es wird hauptsächlich von einer vorübergehenden Krise der Witterung gesprochen werden, von einer Verlagerung der Erdachse oder ähnlichem. Jeder Staat wird insgeheim Fachleute aus Venedig anheuern, deren Erfahrung das wässriger werdende Leben erleichtern soll. - Die Bevölkerung, die sich bereits in die oberen Stockwerke der Häuser zurückgezogen hat, wird von Booten aus versorgt und gewöhnt sich langsam an den Zustand, denn es gehört zu den vornehmsten Aufgaben einer Bevölkerung, sich an Zustände zu gewöhnen. Ein geachteter Mensch ermuntert seine Anhänger zur eigenwilligen Missachtung der Gewissheit, und eine bekannte Persönlichkeit prägt endlich den Satz vom „Leben mit dem Wasser“, der bald in aller Munde ist. Leider werden eitle Ignoranz und fatale Gewöhnung immer wieder gestört, und zwar durch das Wasser selbst, das, von den vielen beruhigenden Weisheiten unbeeindruckt, ständig weitersteigt. - Bitterste Not bricht aus und bitterste Angst. Hunger und Seuchen greifen um sich. Hubschrauber fliegen über die aus den Wellen ragenden Reste der Gebäude und werfen Flugblätter ab, des Inhalts, dass alles getan werde, das Unglück abzuwenden. Gläubig lesen die Ertrinkenden die druckfeuchten Blätter. Den Sterbenden hält man die Zettel vor Augen, die der Tod schon trübt. Von den Dächern der Wolkenkratzer spült die Flut die letzten Lebenden, die niemals erfahren, dass eine Sintflut über sie gekommen: Das zu verheimlichen, wird allen Beteiligten wichtiger sein, als in dem zunehmenden Regen, in den schwellenden Bächen, den andauernden Wolken die beginnende Katastrophe zu erkennen. Gewiss: Für eine weitere Sintflut würde man nun viel besser vorbereitet sein, wenn man nicht schon bei der ersten untergegangen wäre.

Günter Kunert aus "Tagträume" 1972.